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Praxisgerechte Ergonomie-Normung

Gestaltung von Arbeitssystemen mit der DIN EN ISO 6385:2016

von Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser

DIN EN ISO 6385 gilt als ein grundlegendes arbeitswissenschaftliches Rahmenwerk zur Gestaltung von Arbeitssystemen, gleichwohl ob es sich um Arbeitssysteme in der Produktion, im Büro, im Transportwesen, im Handel, im Gesundheitswesen und anderen Bereichen handelt. Die internationale Norm legt Grundlagen der Ergonomie in Form von Leitlinien zur Gestaltung von Arbeitssystemen und vereinheitlicht die relevanten Grundsätze und Begriffe. 

Im Dezember 2016 löste die dritte, überarbeitete und modernisierte Ausgabe die bisher gültige Fassung der internationalen Norm von 2004 ab.


Zielsetzung und Anwendungsbereich der Ergonomie-Norm DIN EN ISO 6385

Der DIN-Normenausschuss Ergonomie behandelt die arbeitswissenschaftlichen Grundlagen und die ergonomische Gestaltung von Geräten und Maschinen, Arbeitsumgebungen und persönlicher Schutzausrüstung mit dem Ziel Humanisierung und Verbesserung der Wirtschaftlichkeit von Arbeit. Dieses Verständnis von Ergonomie entspricht weitgehend dem Gestaltungsziel des deutschen Arbeitsschutzgesetzes und nimmt vor allem die Intention des Begriffes der „menschengerechten Gestaltung der Arbeit“ (§ 2 ArbSchG) als Teil der Maßnahmen des Arbeitsschutzes auf.

Ziel der DIN EN ISO 6385 ist es, bei der betrieblichen Neu- oder Umgestaltung von Arbeitssystemen mit Bereitstellung von notwendigem arbeitswissenschaftlichen Grundwissen und ergonomischen Prinzipien zu helfen. Der arbeitende Mensch steht hierbei als Hauptfaktor und integraler Bestandteil im Mittelpunkt des zu gestaltenden Systems. Das Arbeitsergebnis, die Produktivität sowie das Wohlbefinden und die Gesundheit des Beschäftigten werden entscheidend durch die technischen, organisatorischen und personellen Faktoren des Arbeitssystems beeinflusst. Die in der Norm formulierten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse zielen daher auf eine humane und wirtschaftliche Gestaltung der Arbeitssysteme ab.

Der Begriff Arbeitssystem wird in der DIN EN ISO 6385 zur Beschreibung vielfältiger Arbeitssituationen und Arbeitsplätze verwendet. Arbeitssysteme beinhalten das Zusammenwirken des Menschen mit Arbeitsmitteln innerhalb einer Umgebung und einer Arbeitsorganisation. Hierunter fallen sowohl feste als auch flexible oder temporäre (mobile) Arbeitsplätze in der Produktion, Logistik, in produktionsnahen Bereichen (z. B. Instandhaltung), in der Administration und im Handel sowie in anderen Bereichen (z. B. Pflege, Lehre). 

Als Anwendergruppen der Norm werden in der Norm das Management, Projektleiter und Fachleute der Arbeitsplanung und Betriebsorganisation, Betriebsräte sowie Arbeitswissenschaftler aufgeführt. 


Prozess der Gestaltung von Arbeitssystemen 

Frühzeitig im Gestaltungsprozess angewendet, helfen die ergonomischen Gestaltungshinweise zur präventiven Vermeidung von Gestaltungsfehlern und von dadurch erzwungenen teuren Korrekturmaßnahmen. Geplant und gestaltet wird das Arbeitssystem von einem sogenannten multidisziplinären Gestaltungsteam, bestehend aus Ingenieuren, Fachexperten des Arbeits- und Gesundheitsschutzes, der Arbeitswissenschaft, Führungskräften, Kaufleuten, Einkäufern und – ganz wichtig – Vertretern der im Arbeitssystem arbeitenden Beschäftigten. DIN EN ISO 6385 empfiehlt, das Arbeitssystem angepasst an die relevanten Merkmale der Personengruppe, die im Arbeitssystem beschäftigt ist (die Zielpopulation), auszulegen. Da die Menschen einer Zielpopulation naturgemäße Unterschiede beispielsweise in körperlichen und mentalen Fähigkeiten (z. B. Körpergröße, Sehfähigkeiten) mit sich bringen, kann die Gestaltung nicht 100 Prozent der Zielpopulation angemessen erreichen. Der Standard zielt auf die angemessene Gestaltung für 90 Prozent der Zielpopulation ab (in sicherheitstechnisch relevanten Bereichen ist die Gestaltungswirkung größer).

Hauptbestandteil der DIN EN ISO 6385 ist die Definition und Erläuterung der Phasen zur Gestaltung eines ergonomischen Arbeitssystems. Abbildung 1 listet die einzelnen Phasen des Gestaltungsprozesses auf; nähere inhaltliche Beschreibungen entnehmen Sie direkt der Norm.

Grafik zur Gestaltung eines Arbeitssystems nach DIN EN ISO 6385


Abb. 1: Prozess der Gestaltung eines Arbeitssystems nach DIN EN ISO 6385


Bewertung und Überwachung

Nach der Realisierung und Einführung empfiehlt die DIN EN ISO 6385 eine ständige Bewertung und Überwachung der ergonomischen Zielerreichung gemäß folgender Kriterien:

  • Gesundheit und Wohlbefinden
  • Sicherheit
  • Systemleistung
  • Gebrauchstauglichkeit
  • Kosten-Nutzen

In der betrieblichen Praxis ist die quantitative Erfassung und Interpretation dieser Kriterien maßgebliche Voraussetzung für eine kontinuierliche Verbesserung und Weiterentwicklung der Arbeitssysteme. Beispiele für Bewertungsansätze sind messbare physiologische und psychologische Analysen, die Identifizierung von Gefährdungen, Risikobewertungen, Ermittlung der Produktivität sowie Nutzwertmodelle.


Stetiger Wandel der Arbeitswelt ist bei Ergonomie-Normung zu berücksichtigen

Die Gestaltung neuer Arbeitswelten nimmt erheblich an Bedeutung zu. Gefragt sind Ergonomie-Normen, die den aktuellen Stand der arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse abbilden. Als wesentliche Felder gelten:

  • Demografie und Diversifizierung (internationale Gestaltungsgrundlage durch Normung sinnvoll)
  • Digitalisierung (Ergonomie in der Industrie 4.0, kollaborierende Robotersysteme, digitale Arbeitswelt)
  • moderne Arbeitsorganisation und die Implikation auf den Menschen

Noch gibt es Unternehmen und Institutionen ohne systematische und ganzheitliche Berücksichtigung ergonomischer Prinzipien. Demnach ist eine vordringliche Herausforderung für die Ergonomie-Normung, die verschiedenen Zielgruppen in den Unternehmen (Führungskräfte, Experten) zu sensibilisieren und bei den betrieblichen Bestrebungen zu unterstützen.



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